Abgestuft ist mittlerweile ‚in’, könnte man lächelnd sagen, und das vor allem jetzt, nachdem die Kreditwürdigkeit von neun Euro-Ländern durch die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s eindrucksvoll gestutzt wurde. Zu Recht? Und wirklich auf ’s zurechte Maß?
Die Zukunft im Gespräch oder: Was wir zum Neuen Jahr sagen könnten
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2012 ist angekommen. Und was haben wir für Vorsätze? Die besten, natürlich. Wie alle Jahre wieder, erst vor kurzem, in 2011, hatten wir uns mehr versprochen. Nun ja. Wie immer werden wir es dabei belassen. Und es geht ja schon alles weiter wie bisher – die Euro- und Schuldenkrise ist immer noch da, der Bundespräsident auch, obwohl er vielleicht zu weit gegangen ist, was das zurückrudern erschwert. Schulden gehen eben aufs eigene Konto und ein Kredit ist schnell verspielt. Ein Amtsinhaber muss dem Amt nutzen, nicht umgekehrt. ...
Die Gegensätze werden immer größer Eine Weihnachtsansprache in Widersprüchen
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Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Ansprachen. Oft wäre aber eine Aussprache wichtiger. Deshalb versuche ich mich einmal auszusprechen. Und zwar in Widersprüchen, die einige Gegensätze unserer Zeit zur Sprache bringen sollen.
Beginnen wir mit …
Heute zu Gast: Das Neue Jahr.
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Talkmaster: „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Heute haben wir einen besonderen Gast in unserer Talkshow, den ich Ihnen eigentlich nicht vorzustellen brauche. Jeder von Ihnen hat - wenn auch jeweils eine andere - Vorstellung von ihm. Und mein Gast ist es gewohnt, angezählt zu werden und mit einem lauten Knall zu erscheinen. Aber heute wollen wir ihn einmal ungewohnt begrüßen – und zwar mit einem herzlichen Willkommen: Das Neue Jahr!“ (Das Neue Jahr kommt, betritt die Bühne und nimmt sich seinen Platz. Der Talkmaster versucht, das Neue Jahr zu umarmen. Höflicher Applaus.) Neues Jahr: „Vielen Dank. Es freut mich, nun endlich hier sein zu dürfen.“ (Das Neue Jahr lächelt.) Talkmaster: „Ja, sozusagen ganz frisch aus, ja, woher denn eigentlich?“ Neues Jahr: „Ich würde sagen, Herr Talkmaster: Aus der Zukunft.“ Talkmaster: „Ja genau, aus der Zukunft - woher sonst? (Talkmaster lacht. Zuschauer lachen.) Nun, liebes Neues Jahr, gleich zu Beginn eine Frage, die unser Publikum und mich am meisten bewegt: Was werden Sie uns bringen?“ Neues Jahr: „Nichts.“ Talkmaster: „Nichts?“ (Talkmaster macht einen irritierten Eindruck und lächelt verlegen in Richtung Zuschauer.) Neues Jahr: „Was erwarten Sie von mir, Herr Talkmaster?“ Talkmaster: „Nun ja, ein wenig mehr habe ich mir schon von Ihnen versprochen …“ Neues Jahr: „… ach so?“ Talkmaster: „Es wird sich doch einiges ändern, nehme ich an.“ Neues Jahr: „Was soll sich denn ändern, Herr Talkmaster?“ Talkmaster: „Nun …“ (Der Talkmaster macht eine Pause, schaut auf seine Notizkärtchen.) Neues Jahr: „Sehen Sie, das ist das Problem.“ Talkmaster: „Ja, schon, Neues Jahr. Aber ich denke doch, dass sich etwas verändern wird!? Es kann ja nichts so bleiben wie es ist. (Talkmaster lacht. Vereinzelter Applaus.) Zum Beispiel in der Wirtschaft – sie wird nicht mehr so stark wachsen wie im vergangenen Jahr … Neues Jahr: „ … bitte lassen Sie mich mit dem vergangenen Jahr in Ruhe. Ich will mich damit nicht immer vergleichen lassen …“ Talkmaster: „… gut ja. Also was ist denn nun mit der Wirtschaft? Die Prognosen der Experten sind ja eindeutig.“ Neues Jahr: „Tja, als Neues Jahr will man sich natürlich nichts vorschreiben lassen. Erfreulicherweise sind sie sehr vage, die Vorhersagen. Da fällt es mir leicht, aus dem Rahmen zu fallen. Sie müssen wissen, ich weiche immer gerne ein wenig ab.“ Talkmaster: „Aha, Sie weichen nicht nur ab, sondern mir auch aus, Neues Jahr! (Talkmaster lacht. Gefälliger Applaus.) Aber jetzt bin ich erst recht neugierig geworden. Also: Wohin wird es denn dieses Mal gehen?“ Neues Jahr: „Das kommt ganz darauf an, wo die Menschen hin möchten, Herr Talkmaster.“ Talkmaster: „Die Menschen? Was haben die denn damit zu tun?“ Neues Jahr: „Nun, sie beeinflussen mich.“ Talkmaster: „Sie lassen sich beeinflussen, Neues Jahr?“ Neues Jahr: „Natürlich, was wäre ich denn für ein Neues Jahr ohne die Menschen? Ich bin doch nicht einfach auf Besuch hier.“ Talkmaster: „Nun, irgendwie schon. Ein Jahr geht, ein neues kommt und bringt uns …“ (Neues Jahr unterbricht.) Neues Jahr: „… Moment, geben Sie dem Neuen Jahr einen Augenblick. Es ist umgekehrt: Nicht ich reise zu den Menschen oder komme zu Besuch, sondern sie reisen durch mich, sind bei mir zu Gast. Es liegt an ihnen, wo sie ankommen und an ihrem Benehmen, wie sich ihr Dasein entwickelt …“ Talkmaster: „… ja, ja. Sie wollen mich verunsichern, Neues Jahr, nicht wahr? Wir erleben doch immer wieder, dass es anders kommt, als man denkt …“ (Talkmaster winkt ab. Kräftiger Applaus.) Neues Jahr: „… als Sie es erwarten. Das hat mit Denken nichts zu tun, Herr Talkmaster.“ Talkmaster: „Aber bitte, Neues Jahr, das verstehe ich nun gar nicht …“ Neues Jahr: „Denken heißt doch, sich von Erwartungen frei zu machen.“ Talkmaster: „Nun, das sehe ich nicht so, Neues Jahr. Unsere Erwartungen sind doch unsere Orientierung.“ Neues Jahr: „Sie hätten lieber das alte Jahr in Ihre Show einladen sollen, Herr Talkmaster.“ Talkmaster:(Der Talkmaster zögert.) „Nein, Wiederholungen gibt es schon genug.“ Neues Jahr: „Wie wahr.“ (Das Neue Jahr macht einen gelangweilten Eindruck. Vorsichtiger Beifall.) Talkmaster: „Wir wollten mal etwas Neues ausprobieren.“ Neues Jahr: „Und deshalb haben Sie mich hergebeten, Herr Talkmaster…“ Talkmaster: „Ja, ein Neues Jahr verspricht doch spannend zu werden.“ Neues Jahr: „Wieso denn?“ Talkmaster: „Nun, irgendetwas wird doch passieren?“ (Zustimmender Applaus.) Neues Jahr: „Was soll denn passieren?“ Talkmaster: „Tja, was weiß ich? Große Ereignisse halt. In der Politik. Im Sport. In der Gesellschaft. In der Konjunktur. So was eben.“ Neues Jahr: „Das ist ja nichts Neues. Das haben Sie doch bereits jedes Jahr, Herr Talkmaster.“ Talkmaster: „Ja, schon. Deshalb anders eben.“ Neues Jahr: „Wie anders? Was stellen Sie sich vor?“ Talkmaster: „Sie testen meine Geduld, Neues Jahr, nicht wahr? Was ich mir vorstelle? Wenn es sein muss, nun: In der Politik steht vielleicht wieder ein Ausstieg an oder ein Machtwechsel; womöglich tritt der eine oder andere Politiker zurück. Oder sollte es und tut es nicht. Im Sport, ja, da kommt es zu Siegen und Niederlagen. Die Gesellschaft wird sich natürlich auch verändern, denken wir an die neue Mode zum Beispiel, Grau wird eventuell ‚in’ sein. Und die Konjunktur? Sie wird sich abschwächen. Möglicherweise kriegen wir aber dennoch die Eurokrise in den Griff. Oder es wird alles noch schlimmer.“ (Tosender Beifall.) Neues Jahr: „Wenn Sie alles schon vorher wissen, dann hätten sich mich nicht extra herzubestellen brauchen, Herr Talkmaster.“ Talkmaster: „Ich hatte gehofft, ich erfahre Eindeutigeres von Ihnen, Neues Jahr …“ Neues Jahr: „… aber dann wäre doch die Spannung weg.“ Talkmaster: „Na ja, wenigstens ein kleiner Ausblick, das wäre doch schon was!?“ Neues Jahr: „Nun, ich will mal nicht so geheimnisvoll sein. Eine Einsicht hat noch nie geschadet. Egal, wie kurz sie ist. Also: In der Politik steht vielleicht wieder ein Ausstieg an oder ein Machtwechsel; womöglich tritt der eine oder andere Politiker zurück. Oder sollte es und tut es nicht. Im Sport, ja, da kommt es zu Siegen und Niederlagen. Die Gesellschaft wird sich natürlich auch verändern, denken wir an die neue Mode zum Beispiel, Grau wird eventuell ‚in’ sein. Und die Konjunktur? Sie wird sich abschwächen. Möglicherweise kriegen wir aber dennoch die Eurokrise in den Griff. Oder es wird alles noch schlimmer.“ (Stille.) Talkmaster: „Also, das ist doch … (Der Talkmaster ringt um Fassung, macht dann weiter) … gut, versuchen wir es einmal anders. Was ist mit den vielen Vorsätzen, die an Sie gerichtet werden. Fühlen Sie sich da unter Druck gesetzt, Neues Jahr?“ Neues Jahr: „Nein, nicht wirklich.“ Talkmaster: „Warum nicht?“ (Talkmaster bemüht sich um Verblüffung.) Neues Jahr: „Die wenigsten wollen ihre Vorhaben tatsächlich umsetzen. Und die Absichten gehen mich auch gar nichts an.“ (Raunen im Publikum.) Talkmaster: „Wie? Die Vorsätze gehen Sie nichts an, da komme ich nun nicht mehr mit …“ Neues Jahr: „Warum denn nicht, Herr Talkmaster?“ Talkmaster: „Also, was ist ein Neues Jahr denn ohne Vorsätze? Ich bitte Sie!“ (Zustimmender Beifall. Vereinzelte Buhrufe.) Neues Jahr: „Tja, das wäre im Grunde nichts anderes. Für mich zumindest.“ Talkmaster: „Warum denn das?“ (Talkmaster wirkt ungeduldig.) Neues Jahr: „Vorsätze sind ein Versprechen, das sich die Menschen selbst geben. Nicht mir. Ich kann ihnen ihre Wünsche nicht erfüllen.“ Talkmaster: „Ja, aber … nun, ich bitte um Nachsicht … aber wozu brauchen wir dann überhaupt ein Neues Jahr?“ Neues Jahr: „Wo sonst wollten Sie Ihre Zeit verbringen?“ Talkmaster: (nachdenkliche Pause) „… hmm, wir danken dem Neuen Jahr für sein Erscheinen. Und wünschen ihm viel Glück. Mit uns.“ (Der Vorhang fällt.)
Wir brauchen keine Angst vor der Zukunft zu haben, die Zukunft hat mittlerweile Angst vor uns oder: Wenn uns zum Advent ein Licht aufgeht
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Was für ein Jahr! Von der Atomkatastrophe in Japan zur nimmer enden wollenden Banken-, Euro- und Schuldenkrise – also mich wundert es nicht, dass Außerirdische bei uns nicht landen wollen. Wir tun ja alles, um im Universum alleine zu bleiben. Und, geht es nach dem Maya-Kalender, soll die Welt in 2012 zu allem Überdruss auch noch untergehen. Was soll also die ganze Aufregung überhaupt? Könnte man sich fragen. Schulden hin oder her, wir sitzen ohnehin dann in einem Boot, wenn alles den Bach runtergeht. Aber auf einen wie auch immer ausfallenden Weltuntergang sollte man sich nicht verlassen. Gerade wegen der Prognosen. Ist es nicht die Vorhersage, die Raum für Überraschungen schafft? Zudem hat niemand Lust in der Sintflut baden zu gehen oder im Trockenen herumzustehen, sollte sie wirklich erst nach uns kommen. Oder? Nein, wenn jemand Licht im Tunnel machen kann, dann sind wir es selbst, und tun wir es, müssen wir nicht auf das Ende warten. Zeit also zu Sinnen zu kommen; vor allem jetzt zum besinnlichen Advent, der uns ja im Kerzenschein die Sicht erhellt. Auch die Zuversicht?
Nun, Weihnachten wird nicht unterm Baum entschieden, sondern in unseren Herzen. Das Gleiche gilt für unsere Zukunft. Nur, weil viele Länder in den Miesen sind, sollten wir uns die Welt nicht vermiesen lassen. Wir sind doch nicht (wirklich) öd. Oder? Also dazu gehört als erstes, aufzuhören, immer dunkle Wolken an den Horizont zu malen. Wie sollen wir angesichts ständig düsterer Aussichten besonnen handeln? Ohne Sonne, also ohne einen Lichtblick und den Glauben an neue Chancen, werden wir die Menge an Krisen nicht bewältigen können. Deshalb müssen wir uns nicht gleich das Blaue vom Himmel lügen, nein, wir haben ständig Gelegenheit, die Welt in ein besseres Licht zu stellen. Das geht schon bei der Umwelt los: Wir brauchen ein besseres Klima, zweifellos, und das nicht nur in der Natur. Aber dort geht es um unseren Lebensraum, den wir nach Verbrauch nicht einfach so erneuern können, wie uns das der harmonische Klang der regenerativen Energien zu suggerieren vermag. Und nur, weil Tiere und Pflanzen weder mit uns kommunizieren noch in unseren Parlamenten sitzen, heißt dies nicht, sie haben keine Stimme. Das Leben an sich ist eine Existenzberechtigung, der unser Respekt gebührt. Doch wir setzen nicht der Schöpfung die Krone auf, sondern uns selbst und verbinden damit ganz selbstverständlich einen ultimativen Anspruch auf mehr als das, was der Planet herzugeben in der Lage ist. Was die Spezies Mensch von anderen Schädlingen unterscheidet, ist, dass sie vorzugsweise sich selbst schadet. Tja, wir vergiften die Atmosphäre, und werden deshalb nicht wirklich älter, sondern dank Hochleistungsmedizin sterben wir nur langsamer. Dabei schauen wir Konsumenten zu, weil wir glauben, bloß Publikum des Schauspiels zu sein und könnten, wenn es uns zu bunt wird, das Programm einfach abschalten. Doch Wegsehen eröffnet keine neuen Perspektiven. Und gerade Konsumenten wären eine politische Macht – ihre Wahl spiegelt sich im Verhalten der Unternehmen wider. Verlangen wir also nachhaltige, ökologisch wie sozial korrekte Produkte, werden diese auch zu einem angemessenen Wert auf den Markt kommen. Nun, zumindest haben wir der Atomkraft hierzulande das Licht ausgeknipst, die sich nicht als Brücken-, sondern als Tückentechnologie erwiesen hat. Doch ist das nicht nur ein gutgemeinter Tropfen auf den heißen Brennstab, wenn ringsherum um Deutschland jede Menge Atomkraftwerke unter Strom stehen? Die Welt ist einfach keine Wirtschaft: Je niedriger wir das Leben schätzen, desto höher ist der Preis, den wir dafür bezahlen.
Apropos Wirtschaft: Auf der Suche nach immer neuen Feldern des Wachstums, das ja für uns hier Vermehrung und Vergrößerung heißt und in einer endlichen Welt woanders zugleich Verringerung und Verkleinerung bedeutet, haben wir die Tore zu einem scheinbar unbegrenzten, virtuellen Spielraum aufgestoßen. Und das nicht erst mit dem Eintritt ins Internetzeitalter, sondern bereits schon in den 1970er Jahren, als es mit dem Finanzmarkt so richtig aufwärts ging. Das Geld hatte sich seinerzeit unter dem Jubel der Märkte von der begrenzten Realität des Vorhandenseins tatsächlicher Ressourcen befreit und schuf sich einen eigenen, wirklich virtuellen Kosmos. Einen Kosmos mit magischen Kräften und Phänomenen: In den letzten 30 Jahren hat sich die Geldmenge mehr als vervierzigfacht, die Gütermenge jedoch nur vervierfacht. Das Tauschmedium avancierte somit vollends zu einem Instrument gedruckter Versprechen, die wie Füllhörner aussehen, aber keine Wundertüten sind, denn jedes dieser Versprechen muss irgendwann real eingelöst werden. Das gilt auch für Schulden, die immer zurückbezahlt werden müssen und niemals abgeschnitten, sondern nur anders verteilt werden können. Das Geld ist kein Tauschmittel mehr, sondern ein Spiegel: Es sind letztlich wir alle und unsere Ansprüche, die sich darin wiederfinden. Jeder will beim Fortschritt gut wegkommen. Doch je mehr wir Tiefstpreise im Handel und zugleich Superrenditen an den Finanzmärkten fordern, desto größer werden die Ungleichgewichte zwischen realer (Wirtschafts-)Welt und virtuellem (Finanz-)Kosmos. Nun, Geld verdirbt nicht immer den Charakter, oft verhält es sich auch umgekehrt. Weiße Hemden ersetzen keine weißen Westen. Wenn sich im Geld also schon keine realen Werte spiegeln, dann doch unser Vertrauen, das ja gerade fehlt, weshalb wir in der Krise sind. Nun, Geld ist weder ein Ersatz für Vertrauen, noch kann man sich Vertrauen mit Geld kaufen. Vertrauen ist ein Geschenk - was es so wertvoll macht, dass Geld ohne Vertrauen nichts wert ist. Das, was im Leben wirklich zählt, kann man eben nicht zählen. Mehr Geld wird die Krise also nicht lösen, sondern es führt nur zu neuen Schulden, die dann schuld sind, wenn wir auch in Zukunft kein Geld und vor allem kein Vertrauen haben. Anscheinend ziehen wir den Druck vor, gerade den von Geld. Und da wir uns ja (überwiegend) über Geld definieren, ist der Verlust des Vertrauens in Geld auch ein Verlust des Vertrauens in uns. Das verunsichert. Und Verunsicherung schwächt. Vor allem die Wirtschaft. Der Beginn einer jeden Rezession liegt in einer mentalen Krise. Wir trauen uns nicht(s) mehr – Investoren investieren nicht, Manager unternehmen nichts, Konsumenten konsumieren nicht. Der Kreislauf aus Vertrauen, Zuversicht, Investition und Konsum kommt zum Stillstand. Die Natur wird es uns danken, Rezessionen entlasten sie – aber haben wir uns so die Schonung der Welt vorgestellt? Nein. Ohne Wachstum geht es nicht, aber dessen Kultur muss sich ändern: Eine vielseitige, gleichwertige und behutsame Entwicklung statt eindimensionaler Expansion führte zu einem Abschied des rigorosen Kosten-Nutzen-Denkens, der einen wirklichen Fortschritt einleiten könnte. Zu romantisch? Natürlich, schließlich steht uns die Vernunft im Weg. Und wirtschaftliche Vernunft heißt nun mal Effizienz und Effektivität. Nur – wer das Letzte fordert, bekommt auch das Letzte. Und wer die Schönheit in den Dingen begreift, geht anders mit ihnen um. Der Sinn des Lebens besteht in der Suche nach Schönheit, wusste schon Oscar Wilde. Aber das ist natürlich nur was für Träumer.
Apropos Traum: Wir haben ja Advent. Da könnten wir uns doch mal Träume leisten. Und Träume sind nicht nur was für Optimisten. Bei denen ist das Glas ja immer halbvoll, weshalb sie nie nachgeschenkt bekommen. Wir wollen aber schließlich auch mal austrinken und was Neues probieren. Genau das ist das Wesen des Traums – der Wunsch, einer anderen Realität zu begegnen. Was viele mit „unrealistisch“ übersetzen. Deshalb waren es bisher nur die vermeintlich Verrückten, die die Wirklichkeit zu verändern versuchten. Aber wäre nicht jetzt eine gute Gelegenheit, das zu ändern? Weiter so wie immer kann es nicht gehen, das dämmert uns allen. Und die Verantwortung andere in die Schuhe zu schieben und zu warten bis die dann loslaufen, bringt uns nicht weiter. Freilich, wir sind Herdentiere. In der Masse ist es auch sicher und bequem - da fühlt sich jeder angesprochen und doch keiner betroffen. Und lieber hinken wir hinterher, als vielleicht vorne weg zu sein. Schließlich will man am Schluss nicht der Letzte werden. Dennoch: Den Kopf in den Sand zu stecken, hinterlässt zwar auch Spuren, aber keine, denen es sich zu folgen lohnt. Wir erleben die Zukunft, die wir uns zu leben trauen. Nur wer nichts anfasst, greift ins Leere. Und wenn’s schief läuft, wird der, der aufrecht geht, nur noch größer. Gewiss, das Alles ist nicht einfach. Wäre es einfach, könnte es ja jeder. Sind wir jeder? Ich glaube nicht.